Hilfe für Angehörige

Schau nicht weg, häusliche Gewalt ist keine Privatsache.

Es ist nicht immer klar, wie man am besten reagieren soll, wenn sich Menschen im eigenen Umfeld in einer gewalttätigen Beziehung befinden.

Besonders schwierig ist es, wenn diese Person einem nahesteht und der Täter oder die Täterin sogar bekannt ist. Viele Angehörige fragen sich «Wie kann ich ihr/ihm nur helfen?» und «Warum schafft sie/er es einfach nicht, sich zu trennen?».

Die Situation, in der sich Gewaltbetroffene befinden, ist sehr kompliziert. Dass Betroffene die erlebte Gewalt oft so lange aushalten, ist für Angehörige und das soziale Umfeld häufig schwer nachvollziehbar.

Es gibt viele Faktoren, die eine Trennung erschweren:

  • Betroffene fühlen sich aufgrund der emotionalen Gewalt (u.a. durch Manipulation, Kontrolle, Drohungen und Machtspiele) ohnmächtig und hilflos. Diese psychische Gewalt wird lange nicht als solche erkannt

  • Betroffene hoffen auf Besserung und sehnen sich nach den «guten Zeiten». Toxische Partner:innen sind zu Beginn oft sehr liebevoll, leidenschaftlich und einfühlsam

  • Betroffene haben Angst, sich von ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu trennen (u.a. aufgrund von Drohungen, Einschüchterungen oder körperlicher und sexualisierter Gewalt)

  • Betroffene sind von ihrem Partner oder ihrer Partnerin abhängig (er/sie kontrolliert die Finanzen, sie haben gemeinsame Kinder oder eine gemeinsame Wohnung)

Freunde und Familie

Da Familienangehörige und Freund:innen für Betroffene oft die erste Anlaufstelle sind, ist es besonders wichtig, dass diese verständnisvoll und unterstützend reagieren.

Hier eine Hilfestellung, wie du dich in solchen Fällen verhalten kannst:

Informiere dich

Je mehr du dich über die verschiedenen Formen von Gewalt und deren Auswirkungen informierst, desto besser kannst du Unterstützung bieten. Es ist sehr wichtig, deiner Freundin, deinem Freund oder Familienmitglied keine Vorwürfe zu machen und sie unter Druck zu setzen. Betroffene sollen sich gehört und verstanden fühlen.

Das ist häusliche Gewalt

Du bist nicht schuld

Du spinnst nicht

Höre zu

Es ist nicht einfach, Schilderungen erlebter Gewalt anzuhören. Das macht betroffen, es belastet und kann auch sehr anstrengend sein. Das besonders auch wenn sich die Beziehungsdynamik nicht ändert und Betroffene immer wieder das Gleiche erzählen.

Auch wenn du frustriert bist, solltest du nicht mit Bemerkungen wie «Du musst dich einfach trennen!» oder «Ich verstehe nicht, warum du ihm immer wieder verzeihst!» reagieren. Sei eine gute Zuhörerin, ein guter Zuhörer und versuche einen Raum zu schaffen, in dem sich die/der Betroffene sicher und wohlfühlen kann.

Biete konkrete Hilfe an

Jede:r Betroffene hat unterschiedliche Bedürfnisse. Es kann sinnvoll sein, Fragen wie «Was für Unterstützung kann ich dir geben?» zu stellen. Sei aber nicht überrascht oder werde ungeduldig, wenn er/sie nicht in der Lage ist, dir zu antworten.

Gewalttätige Beziehungen können handlungs- und entscheidungsunfähig machen. Ganz konkrete Unterstützungsangebote sind da oft sehr wertvoll, wie zum Beispiel den eigenen Internet-Zugang oder das eigene Telefon zur Verfügung stellen, für die Betroffene/den Betroffenen Beweise aufbewahren (z.B. Fotos, Tagebücher) oder ihnen dabei helfen, Termine zu organisieren oder Informationen zu sammeln.

Auch das Verschaffen eines «Alibis» oder die Begleitung zu Beratungsstellen sind gute konkrete Hilfsangebote.

Sei geduldig

Eine toxische Beziehung raubt Energie, sie lähmt und macht krank. Hilfe zu suchen, anzunehmen oder sich zu trennen braucht viel Kraft, Mut und oft mehrere Anläufe. Je länger die/der Betroffene in der Beziehung ist, desto schwieriger ist eine Trennung.

Wenn er/sie Kinder hat, mit dem Partner oder der Partnerin eine gemeinsame Wohnung teilt oder finanziell abhängig ist, fällt die Trennung noch schwerer. Erwarte also nicht, dass sich die Situation rasch verbessert. Es braucht Geduld.

Vermeide Konfrontation

Es kann das Bedürfnis entstehen, den Täter oder die Täterin zu konfrontieren, besonders wenn sich die Situation nicht verbessert und die Gewalt nicht aufhört. Bitte tue das nicht, denn das kann der/dem Betroffenen sehr schaden. Die tatausübende Person kann sie mit mehr Gewalt bestrafen oder alles Mögliche unternehmen, um den Umgang mit dir und anderen zu unterbinden.

Falls du an deine Belastungsgrenzen stösst und nicht mehr weisst, wie du helfen kannst, darfst du dir jederzeit bei Opferberatungsstellen Unterstützung holen.

Unterstützungsangebote

Erweitertes Umfeld

«Meine Nachbarin hat der Polizei angerufen, als sie Schreie hörte. Innert fünf Minuten waren die Polizisten bei uns an der Türe. Ich war so froh, sie zu sehen - ich hätte ihnen aber niemals selber angerufen.», so eine Betroffene.

Wurdest du schon einmal Zeuge oder Zeugin von Gewalt in deiner Nachbarschaft, deinem Arbeitsort oder an der Schule/Universität? Das kann sehr belastend sein.

  • Falls du beispielsweise in deiner Nachbarschaft oft Schreie und andere verdächtige Geräusche hörst, ist es angemessen und teilweise auch dringend notwendig, die Polizei unter 117 anzurufen. Die Nummer der Ambulanz ist 144. Schaue nicht weg, häusliche Gewalt ist keine Privatsache.
  • Falls du mutmassliche Betroffene alleine antriffst, sei dies im Treppenhaus, in der Cafeteria oder dem Schulhof, kannst du sie/ihn vorsichtig darauf ansprechen. Hier ist es aber sehr wichtig, behutsam vorzugehen (z.B. mit Fragen wie «Ich habe da mal was gehört/mitbekommen und mache mir Sorgen. Kann ich irgendetwas für Sie/dich tun?»)
  • Wenn du unsicher bist, wie du vorgehen sollst, kannst du die Vorfälle in deinem Umfeld auch dokumentieren und dich jederzeit bei einer Beratungsstelle melden. Sie unterstützen nicht nur Gewaltbetroffene, sondern auch Angehörige oder aussenstehende Personen.